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10 Jan

Julija Novizkaja (Belarus)
SÜDKURIER, May 7,2013


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Der Hering kommt im Pelzmantel daher [Herring comes in a fur coat]

Polozk schreibt für Friedrichshafen: Julija Novizkaja macht Appetit auf die weißrussische Nationalküche

Gastfreundlichkeit und Gutherzigkeit sind typische belarussische Tugenden. Wir lieben es, an Festen Freunde und Verwandte einzuladen. Für mich ist meine Familie so etwas wie eine wunderbare Schatzkammer unserer Sitten und Gebräuche. Deshalb ist es nur selbstverständlich, dass die weißrussische Nationalküche mit ihren unterschiedlichen Speisen Stammgast an unserem Tisch ist. Nach einem harten Arbeitstag macht uns meine Mutter zum Beispiel Kartoffelbrei, würzige Buletten und nahrhaften Borschtsch. Borschtsch ist meine Lieblingssuppe. Sie wird aus Schweinfleischbrühe, Roter Beete, Kartoffeln, Möhren und Zwiebeln gekocht – und ist in unserem Land schon etwa seit dem 14. Jahrhundert bekannt. Ihren Namen verdankt sie dem „Bärenklau“, der bei uns „Borschtschevik“ heißt. Diese Pflanze war damals wichtigster Bestandteil dieser Suppe, heute ist Rote Beete die Hauptzutat. Meine Großmutter nimmt zum Kochen auch ein Lorbeerblatt und etwas Knoblauch dazu und verfeinert sie vor dem Servieren mit Schmand und frischem Dill. Einfach lecker, kann man dazu nur sagen.

Was gekocht wird, ist wichtig. Noch wichtiger ist, wer kocht. Oma ist für mich zweifellos die beste Köchin in der Familie. Wenn sie kocht, dann läuft mir das Wasser im Mund zusammen. Sie hat diesen Beruf von der Pike auf gelernt, seit über 35 Jahren steht sie mit ihrer Schürze am Herd. Heute arbeitet sie in einer Schule und ihre „Verkoster“ sind Schülerinnen und Schüler. Kann es jemand geben, dem Omas Klöße, Dolma oder Kohlrouladen nicht schmecken? Wohl kaum.

Ich habe gelesen, dass die Deutschen gerne Schweinfleisch essen. Ohne Fleisch kann auch meine Mutter beim Kochen nicht auskommen. Ihrer Meinung nach sind Kartoffeln als Beilage erste Wahl. Kartoffeln sind unser zweites Brot, obwohl dieses Gemüse aus Amerika kommt. Aus Kartoffeln bereitet man bei uns die unterschiedlichsten Gerichte – von Kartoffelpuffern bis zu Pellkartoffeln mit Speck oder Bratkartoffeln mit Pfifferlingen. Was mich selbst angeht, so erinnere ich mich an Duft und Geschmack der gebackenen Kartoffelbabka. Wenn ich als Kind bei meinen Großeltern im Dorf war, hat meine Urgroßmutter nach dem Melken einen großen Kuchen - der bei uns Babka heißt - gebacken. Ich habe immer gleich ein großes Stück mit frischer Milch gegessen. Damals hatte ich keine Ahnung, wie meine Urgroßmutter diese Babka gemacht hat. Zum Glück kenne ich heute dieses Geheimnis. Das Rezept ist leichter als man denkt und man kann alles Nötige in einem Geschäft an der Ecke kaufen. Babka wird aus geriebenen Kartoffeln in einem Tontopf gebacken, die pikante Füllung wird aus Schweinfleisch mit Zwiebeln, Pfeffer und Liebstöckel zubereitet. Als bekömmliches Getränk ist dazu eine Tasse Milch oder Tee zu empfehlen.

Männer und Kinder sind Sonntagsgäste in der Küche, aber bei verschiedenen Familienfesten kommen alle zusammen. Meine Lieblingsfeste sind Silvester und Neujahr. Schön ist, dass sich Eltern und Kinder gemeinsam darauf vorbereiten. Meine Mutti brät ein saftiges Huhn mit Äpfel oder Backpflaumen. Vater deckt den festlichen Tisch und empfängt die Gäste. Meine jüngere Schwester schmückt den Weihnachtsbaum mit bunten Kügelchen und Laternen. Ich helfe meiner Oma bei einem besonderen Weihnachtssalat. Dieser Salat heißt „Schuba“ – was man mit „Hering im Pelzmantel“ übersetzen kann. Wie sieht er aus? Hering wird in kleine Stücke geschnitten, auf eine Platte gelegt, mit gekochter geriebener Möhre, Kartoffeln und roter Bete bedeckt. Mayonnaise, frisches Grün und Zitrone bilden den Abschluss.

Ich glaube, dass ein festlich gedeckter Tisch mit einer Vielfalt von unseren Nationalspeisen das Herz aller Gäste erobern kann. Wenn Sie einmal eine Reise nach Weißrussland machen, lade ich Sie herzlich in die Stadt Polozk ein! Erleben Sie selbst, wie lecker belarussische Speisen sind.

 

Originally published: www.suedkurier.de/polozk