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9 Jan

Marija Tarassowa (Belarus)
SÜDKURIER, Oct 5, 2013


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Durchstarten statt am Herd stehen [Give gas instead of standing at the stove]

Polozk schreibt für Friedrichshafen: Marija Tarassowa hat mit dem traditionellen belarussischen Frauenbild wenig am Hut

Hartnäckige Klischees über slawische Frauen im Allgemeinen und über belarussische Mädchen im Besonderen gibt es genug: Eine Weißrussin fällt durch ihre ganz natürliche Schönheit auf. Sie hat lange blonde, zu einem Zopf gebundene Haare, blaue Augen und ein offenes Gesicht. Sie ist bescheiden, zart, vernünftig, entschlossen und dabei sehr tolerant. Sie ist rücksichtsvoll ihrem Gesprächspartner, anderen Weltanschauungen, Lebensweisen und Gewohnheiten gegenüber. Und sie ist unglaublich gastfreundlich. Aber ist das wirklich die typische belarussische Frau?

In jedem Fall  glaubt die Belarussin an die Weisheit der Bibel: die Frau wurde aus der Rippe des Mannes erschaffen. Die Frau ist ein Bestandteil des Mannes und ohne ihn nichts! In der Familie spielte der Mann immer die erste Geige und die Frau blieb immer im Schatten.  Auch heute ehrt sie alte Traditionen ihres Landes, ihrer Familie, glaubt an Gott. Aber bleibt sie immer noch von ihrem Mann untrennbar?  Laut Statistik ist die Ausbildung bei weißrussischen Frauen besser als bei Männern. Aber die meisten von ihnen sind in den sozialen Berufen tätig, die traditionell schlecht bezahlt sind: Bildungswesen, Medizin, Handel. Wo Sie hinschauen, sind Frauen überall. Sind Sie krank? Dann müssen Sie zum Arzt, nein zur Ärztin. Möchten Sie etwas kaufen? Dann sehen sie wiederum ein strahlendes Gesicht einer Frau. Oder möchten Sie etwas lernen? In der Schule arbeiten auch überwiegend Frauen! Aber sogar in diesen Bereichen bleiben führende Posten für unsere Frauen schwer erreichbar. Bei einem Einstellungsgespräch wird der Vorzug immer einem Mann gegeben. Fast in jedem Vorstellungsgespräch tauchen garantiert folgende Fragen auf: „Sind Sie verheiratet?“ „Sind Sie schwanger? “ „Wie sehen Ihre Heiratspläne aus und wann planen Sie ein Baby?“

Der Grund ist einfach: Unserer Verfassung nach hat jede Frau das Recht auf einen dreijährigen Kinderurlaub. Sehr schön, nicht wahr? Andererseits würde kein Arbeitgeber vor Freude in die Luft springen, wenn seine Mitarbeiterin, die Mutter von zwei Kindern, sechs Jahre lang am Arbeitsplatz fehlt. Und wenn sie endlich wieder zur Arbeit kommt, bringt sie regelmäßig Krankenscheine, da die Kleinen sich jeden Monat erneut einen Schnupfen holen.

Und wie denken unsere jungen Frauen über ihr künftiges Familienglück? Ich glaube, sie klammern sich nicht mehr nur an den Gedanken, um jeden Preis zu heiraten – und das, obwohl es in Belarus 1151 Frauen pro 1000 Männer gibt. Heirateten sie früher zwischen 20 und 23 Jahren, so möchten sie heute erst einmal Karriere machen. In diesem Punkt nähern wir uns allmählich der westlichen Kultur. Aber der östlichen Tradition nach bedeutet das Familienleben für uns Frauen immer noch schwere Arbeit. Die Frau nimmt nach wie vor alle Sorgen des Familienlebens auf ihre zarten Schultern. Sie erzieht die Kinder, kocht, wäscht, putzt die Wohnung, geht zur Arbeit und gibt sich dabei Mühe, liebevoll und zuvorkommend zu bleiben. Die Teilnahme des Mannes am Familienleben ist minimal. Er verdient doch Geld und versorgt seine Familie! Im besten Fall gibt er sein Einverständnis, Einkäufe zu erledigen. Für die meisten Frauen verläuft ihr Leben nach der klassischen Formel: Haus-Arbeit-Haus. Zeit für sich selbst bleibt wenig. Was die Kinder angeht, sind die jungen Leute von heute allerdings etwas vorsichtiger. Ich habe auch Bekannte, die bewusst ihre Keuschheit bis zur Ehe bewahrt haben.

Heutzutage fragen sich junge Belarussinnen immer häufiger, ob sie ihr Leben selbst bestimmen könnten. Ich, zum Beispiel, habe schon meine Ausbildung in der Fachrichtung Tourismus abgeschlossen. Jetzt studiere ich an der Polozker Staatlichen Universität und möchte in der Zukunft eine gute Karriere machen. Ich will mein Leben mit Fremdsprachen verbinden, eine Reiseführerin werden und andere Menschen mit dieser tollen Welt bekannt machen. Ich möchte mich zuerst behaupten, mein Zuhause ausbauen und dann eine Familie gründen und Kinder bekommen. Ich will kein Bestandteil meines Mannes sein, ich will meine  Unabhängigkeit!

Originally published: www.suedkurier.de/polozk