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9 Jan

Irina Loktewa (Belarus)
SÜDKURIER, Nov 6, 2013


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Für einen Tag Prinzessin [Princess for a day]

Polozk schreibt für Friedrichshafen: Irina Loktewa erklärt, warum in Belarus für einen märchenhaften Hochzeitstag vieles geopfert wird

Erst gestern  läutete am Abi-Ball die Schulklingel für mich und meine Schulkameraden zum letzten Mal. Und heute sind zwei Mädchen aus unserer Klasse schon verheiratet und haben Kinder -ohne Ausbildung, ohne Beruf und ohne finanzielle Unabhängigkeit. „Wozu?“ - fragte  ich mich und sie. Die Lösung war einfach. Eine heiratete, weil sie schwanger war. Für die andere war die Schönheit der Hochzeitszeremonie ausschlaggebend. Aber was bleibt nach dem Fest? Für den Märchentag müssen ihre Eltern zwei Jahre lang einen Kredit abbezahlen. Sie selbst hat ein neues Leben ohne eigene Wohnung und ohne gut bezahlte Arbeitsstelle.

Am Anfang sieht aller immer gleich aus. Die jungen Leute kommen zu ihren Eltern, sagen dass sie sich lieben und deswegen heiraten möchten. Die Eltern sind schockiert, stimmen aber zu, weil sie ihre Kinder lieben und das Familienleben nicht ruinieren wollen. Um sich nicht mit Schande zu bedecken, nehmen sie Geld bei der Bank auf. Sie wollen doch die beste Hochzeit für ihr Blümchen. Der Hochzeitsmarathon kann beginnen. Man betrachtet alle vorhandenen Restaurants, durchkämmt alle Geschäfte auf der Suche nach dem schönsten Brautkleid, lässt Ringe mit Brillanten auf Bestellung anfertigen, verbringt schlaflose Nächte, weil man im Internet auf der Suche nach der einzigartigen Frisur und den ungewöhnlichsten Brautnägeln ist. Natürlich will man auch den besten Unterhaltungskünstler. Und dann kommt der langersehnte Tag.

Alles fängt mit dem traditionellen „Brautkauf“ an. Der Bräutigam kommt mit seinem Freund, dem Trauzeugen, am Haus der Braut an. Zunächst muss er ein paar Prüfungen bestehen, um seine zukünftige Frau sehen zu können. Zum Beispiel wird nach dem Geburtstag der Schwiegereltern oder nach dem Tag, an dem jungen Leute einander kennengelernt haben, gefragt. Das nächste Hindernis ist die Treppe. Jede Treppenstufe bedeutet für den Bräutigam eine neue Aufgabe. Bei jeder gelösten Aufgabe steigt man eine Stufe höher. Bei Fehlern bezahlt der Bräutigam entweder mit Geld oder mit Sekt und Pralinen – manchmal auch mit einem Tanz oder einem Lied. Während des Brautkaufs, werden die Autos aller Hochzeitsgäste mit Luftballons und bunten Bändern geschmückt. Wenn die Braut dann endlich „erlöst“ ist fährt  das junge Paar mit seinen Freunden und Verwandten zum Standesamt.

In Belarus ist es üblich, nach dem Standesamt sich auf die Hochzeitsfahrt über sieben Stadtbrücken zu begeben. Dem Volksglauben nach soll es die Familie festigen. Und wenn das junge Paar die letzte Brücke erreicht hat, muss der Bräutigam seine Frau auf Händen über die ganze Brücke tragen. Im Trend sind auch sogenannte „Liebesschlösser“, die in Polozk unbedingt an der „Roten Brücke“ befestigt werden müssen. Danach geht’s in Restaurant. Dor warten die Eltern auf die jungen Eheleute, überreichen ihnen „Brot und Salz“, segnen und bewirten sie. Wer das größte ein Stück vom Brot abbeißt, ohne sich mit den Händen zu helfen, der wird später das Oberhaupt der frischgebackenen Familie. Ein unentbehrlicher Teil des Festes sind die bekannten „Gorka“-Rufe. Die Gäste halten ihren Trinkspruch auf das Ehepaar und fordern sie auf, sich zu küssen. Das Fest dauert bis Mitternacht. Am Ende der Feier tragen Eltern eine blaue und eine rosa Strampelhose durch die Reihen der Gäste – und sammeln Geld für das zukünftige Baby der Neuvermählten. Wer der jungen Familie ein Mädchen wünscht, steckt sein Geld in die rosa Hose. Die Anhänger männlichen Geschlechts stopfen Kleingeld in die blaue Hose. Das Fest wird mit einem symbolischen Tanz abgeschlossen. Die Freundinnen der Braut stehen im Kreis mit Kerzen in den Händen. Die Schwiegermutter nimmt den Schleier der Braut ab und bindet ihr ein Tuch um den Kopf. Es soll bedeuten, dass die Braut zur Frau und Schwiegertochter werde.

Damit endet das Märchen und das Alltagsleben mit seinen Sorgen und Nöten beginnt. Aber wer denkt schon daran, wenn es so cool ist, einen Tag lang Prinzessin zu sein! 

Originally published: www.suedkurier.de/polozk