Judges

Professional JournalistsBeginner JournalistsAll articles Beginner Journalists

10 Jan

Marina Tscherbitzkaja (Belarus)
SÜDKURIER, April 3, 2013


348

Gleichgültigkeit ist die falsche Taktik [Indifference is the wrong tactic]

Polozk schreibt für Friedrichshafen: Marina Tscherbitzkaja berichtet davon, dass in Polozk nicht nur Menschen auf Hilfe angewiesen sind

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 Ist es unsere Pflicht, denjenigen zu helfen, denen es schlechter geht als uns, die unsere Unterstützung brauchen? Im Gesetz steht davon nichts geschrieben. Ein entsprechendes Abkommen wurde von niemandem unterzeichnet. Wir gehen an der alten hilflosen Frau vorbei, die um Almosen bettelt. Wir sehen einen Mann, dessen Schicksal hinter seinen Bartstoppeln und seinen abgetragenen Klamotten verborgen ist – und drehen uns ab. Soll er sich doch lieber aufraffen und auf die Suche nach Arbeit machen. Dennoch kann man nicht alle Menschen über einen Kamm scheren. Im Leben kann es schnell passieren, dass man auf Fremde angewiesen ist, weil die eigenen Kräfte nicht mehr reichen und man mit Hilfe der Angehörigen nicht rechnen kann. Aber Menschen sind Menschen. Sie sind in der Lage, ihr Leben zu ändern. Sie sind stärker, weil sie sprechen und sich selbst schützen können. Etwas anderes sind Tiere.

Es ist traurig, einen Hund durch die belebten Straßen auf der Suche nach Essen und Wärme laufen zu sehen. Er hofft auf Verständnis und Mitgefühl in den Augen der Passanten. Vielleicht ist er weggeworfen worden oder hat niemals jemandem gehört. Kein Problem? Für mich schon. Ein Problem, über das man sprechen muss. Seit kurzem ist Weißrussland ein Land, in dem diese Thematik in die Liste der Gesetzentwürfe aufgenommen worden ist. Am 11. Juni 2010 hat man in Witebsk die Entscheidung über den „Bau eines Tierheims“ getroffen, das im August 2011 eröffnet worden ist. Mit der Zeit soll auch ein Tierheim in Polozk eingerichtet werden – bisher existiert bei uns und in der Nachbarstadt Novopolozk nur ein wohltätiger Tierschutzverein, der sich „Freund“ nennt.

Der Verein hat zehn große Käfige, in denen sich zeitweilig mehr als 120 Hunde und über 65 Katzen befinden. Die Arbeit der Freiwilligen ist unschätzbar. Diese Menschen helfen den weggeworfenen Katzen und Hunden trotz aller beruflichen Pflichten und eigener Haushaltsprobleme.  Die Ehrenamtlichen bemühen sich, möglichst vielen streunenden Tieren zu helfen, obwohl das nicht immer einfach ist. Sie nehmen die Tiere für einige Zeit zu sich nach Hause, waschen und füttern sie, behandeln sie medizinisch so gut es geht, geben ihnen Obdach. Wenn es möglich ist, geben sie die Tiere später in gute Hände ab. Im vergangenen Jahr haben auf diese Weise mehr als hundert Tiere ein neues Zuhause und sorgsame Besitzer gefunden.

Die ehrenamtlichen Mitarbeiter suchen die Hilfe durch Medienkontakte und soziale Netzwerke. Im Blog „Tierheim in Novopolozk“ erscheinen jeden Tag Mitteilungen über Straßentiere, für die eilig ein Zuhause gesucht wird, weil sie sonst den Tod finden können. Es ist zu betonen, dass diese Tätigkeit vom Staat nicht finanziert wird. Die Initiative lebt nur von der Hilfe der Freiwilligen und von Spenden. Es werden Mittel gesammelt, Ausstellungen organisiert, wo jeder Interessierte seinen neuen vierfüßigen Freund völlig kostenlos finden kann. Solche Menschen verdienen jeden Dank, sie brauchen für ihre Arbeit aber auch materielle Unterstützung von anderen mitfühlenden Menschen.

Leider gingen viele Geschichten nicht immer gut aus. Tausende Hunde wurden schon erschossen oder eingeschläfert. Es wurden Mittel verwendet, über die ich hier nicht sprechen kann. Es gab bei uns Zeiten, in denen Hunde abgeknallt wurden, nur weil sie von ihren Besitzern beim Spaziergang von der Leine losgelassen wurden.  Ein derber Witz lautet: „Tut die Hand weh – schneide sie ab“. Solche drastischen Methoden der Tierentsorgung werden heutzutage nicht mehr angewendet, aber das Problem ist trotzdem nicht gelöst, höchstens verdrängt.

Meiner Meinung nach muss man kämpfen. Trotz alledem. Die Schwierigkeiten lauern auf Schritt und Tritt, aber man muss sie bekämpfen. Jeder von uns kann etwas zugunsten des Kampfes für das Leben machen, dessen schwänzelnde Anwesenheit vieles im Leben des Menschen ändern kann. Ihre Liebe ist unschätzbar. Tiere sind die ergebensten Wesen auf der Welt. Helfen, mitfühlen, Anteil nehmen, nicht einfach vorbei gehen – das ist unsere Aufgabe. Gleichgültigkeit ist falsche Taktik. Das Gute kehrt immer zurück.

Originally published: www.suedkurier.de/polozk