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8 Jan

Iryna Hutar (Belarus)
SÜDKURIER, Feb 12, 2013


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Heißer Mini oder abgewetzte Jeans? [Hot mini or shabby jeans?]

Friedrichshafen -  Polozk schreibt für Friedrichshafen: Iryna Hutar hat gelernt, dass es in puncto Styling große Mentalitätsunterschiede zwischen deutschen und weißrussischen Frauen gibt

Es ist August, sonnig, 29 Grad. Das Flugzeug „Minsk Frankfurt“ ist um 14 Uhr gelandet. Aufregung und Nervosität steigen. Also begrüße mich, deutsche Erde, ich bin angekommen! Im hellroten Kleid, das Ton in Ton zu meinen Nägeln passt, mit einem silbernen Armband und eleganten Ohrringen verlasse ich das Flugzeug. Bald bemerke ich, dass mich meine Pumps ziemlich stark bei den vielen Rolltreppen und beim Koffertragen behindern. Mir fällt auch auf, dass die Leute neugierige Blicke auf mich werfen. Ich fühle mich beobachtet und kann nicht verstehen, wieso gerade ich so große Aufmerksamkeit verdient habe. Aber als ich mein Reiseziel Bamberg erreiche und die Unterrichtstage und das Leben in Deutschland beginnen, finde ich schnell Antworten auf meine Fragen.

In der ersten Woche gewann die mächtige weißrussische Mentalität in mir die Oberhand: An der Uni, beim abendlichen Spaziergang durch die Stadt oder einfach beim Shoppen wollte ich perfekt aussehen. „Ich präsentiere hier mein Land. Was die Deutschen über mich denken, hat auch Einfluss darauf, was sie über Belarus denken“, sagte ich mir. Jeden Morgen stand ich eine Stunde früher auf, um mir die richtige Kleidung auszusuchen, die Nägel zu lackieren, meine Haare in Ordnung zu bringen und mich zu schminken – so wie das die Frauen bei uns halt machen. Im Bus fielen mir wieder die Blicke der Menschen auf, was mir aber jetzt sehr angenehm war.

Was mich wunderte, war die äußere Erscheinung der im Bus fahrenden oder mit Buch im Park sitzenden Frauen und Mädchen. Wieso sehen sie so bescheiden aus, so unansehnlich? Wieso liegt neben ihnen keine elegante Handtasche, sondern ein Rucksack? Warum tragen die Mädchen nicht High Heels, sondern lieber abgeschabte Turnschuhe? Jeden Tag stellte ich mir diese Fragen, aber merkte dabei nicht, dass ich mich in dieselbe Richtung bewegte. Schon in der zweiten Woche in Deutschland fing ich an, mich anders anzuziehen, sei es für einen abendlichen Spaziergang oder einfach für die Uni: zum Beispiel eine alte Jeans und ein T-Shirt mit der Aufschrift „I miss you“. Und ich bat meine Freundinnen, mir beim Kauf eines Rucksacks zu helfen. Die Mentalität blieb weißrussisch, aber die Gewohnheiten und die Ansichten änderten sich unterbewusst. Jetzt konnte ich mir die Stunden vor dem Spiegel ersparen. Ich war immer in 15 Minuten fertig und musste nur noch die passenden Sportschuhe auswählen. Mir war auf einmal klar, dass es viel bequemer ist, sich durch die Stadt in flachen Schuhen und Alltagskleidung zu bewegen – praktisch und auf eine gewisse Art schön.

Unsere weißrussischen Frauen sind an künstliche Schönheit gewohnt, sie pflegen natürliche Vorzüge durch Kosmetik, Schmuck und modische Kleidung zu verbergen. In Deutschland ist alles anders. Die Menschen sind sehr mobil, sind die ganze Zeit in Bewegung und brauchen deshalb dazu passende Klamotten. Strapazierfähigkeit geht vor Schönheit. Eine grell geschminkte junge Frau in Kleidung, die kaum etwas verbirgt, kann hier angeschaut werden (Entschuldigung!), als wäre sie ein Freudenmädchen. Nur wenn sie ausgeht, ist eine deutsche Frau offener in der Kleidung, trägt Miniröcke oder anliegende Kleider, dazu hohe Absatzschuhe, buntes Make-up und aufwendige Frisuren. In Weißrussland will man alles sofort präsentieren, sich von der besten Seite zeigen und jedem modischen Trend hinterherlaufen.

Der Monat in Deutschland ging fast unbemerkt vorbei. In der Nacht vor der Abreise stopfte ich alle Kleider, die ich in Deutschland nicht einmal zu tragen gekommen war, ganz tief in meinen Koffer, die Schuhe mit hohen Absätzen in den Rucksack – und richtete für den nächsten Tag meine Lieblingssportschuhe her. Ich stand am Bahnhof mit dem Koffer in der Hand, in dem diese weißrussische Schönheit „hauste“, und kam zur Schlussfolgerung, dass ich als ein ganz anderer Mensch abreiste. Zusammen mit der Bekleidung hat sich mein Bewusstsein geändert. Auf Wiedersehen, Deutschland. Tschüss, früheres weißrussisches Mädchen!

Originally published: http://www.suedkurier.de/medienprojekt-polozk./Heisser-Mini-oder-abgewetzte-Jeans;art372474,5903579