Judges

Professional JournalistsBeginner JournalistsAll articles Beginner Journalists

8 Jan

Julija Tararako (Belarus)
S√úDKURIER, Aug 22, 2013


405

Kann man Gesundheit kaufen? [Can you buy health?]

Polozk schreibt für Friedrichshafen: Julija Tararako beklagt, dass in Weißrussland eine wünschenswerte Gesundheitsversorgung oft am fehlenden Geld scheitert

In Weißrussland ist die medizinische Betreuung kostenlos. Ein geordnetes Versicherungssystem wie in Deutschland gibt es nicht. Man geht in die Poliklinik und stellt sich einfach an. Am Eingang zur Poliklinik gibt es eine Anmeldung. Dort bekommt man seine Wartenummer und Anmeldekarte. Für Chirurgen und Internisten braucht man keine Nummern. Die Menschen warten im Flur, bis sie endlich an der Reihe sind. Die Behinderten und die, die hohes Fieber haben, werden gleich wie alle anderen bedient und behandelt.

Doch es gibt Fälle, für die man die Hilfe von Spezialisten benötigt. Und Operationen im Ausland sind auch zu bezahlen. Also dann rechnen wir mal: In Weißrussland verdient eine junge vierköpfige Familie zusammen ungefähr 800 Euro. Von diesem Geld gehen etwa 30 Euro für Heizkosten, Strom und Wasser ab. Etwa 300 Euro vom Familienbudget wird für Lebensmittel ausgegeben. Dazu kommen die monatlichen Fahrkosten für öffentliche Verkehrsmittel in Höhe von 20 Euro. Das Auto braucht Benzin, das in Weißrussland nicht billig ist – also nochmal 100 Euro. Für Kleidung und alles andere können wir 200 Euro ansetzen. Was bleibt übrig? Nur rund 150 Euro. Theoretisch kann man sich für den Ernstfall im Laufe der Zeit die notwendige Summe sammeln, aber in der Realität wird das für das kranke Kind schon viel zu spät sein. Menschen, die nicht genug  Geld haben, bitten andere um Hilfe. Manche sitzen auf der Straße und betteln, andere wenden sich an die Medien, inserieren in der Zeitung, oder hängen irgendwo in der Stadt Zettel aus. Es gibt Fernsehsendungen, in denen solche Fragen von Moderatoren angesprochen werden. Eltern bitten die Zuschauer um Hilfe. Es ist nicht ausgeschlossen, dass jemand antwortet.

In unserer Stadt sehe ich oft ausgehängte Notizen von Menschen, die um Geld bitten, damit sie sich die teuren Operationen für ihre Kinder leisten könnten. Tausend  Fragen gehen mir in diesem Moment durch den Kopf. „Kann man Gesundheit kaufen?“  Geld ist doch nur Papier und nicht dem Wert eines Lebens zu vergleichen. Für mich ist es schwer zu verstehen und das Herz blutet mir, wenn ich sehe, dass Geld das Leben eines Menschen retten kann. Ich hatte schon mit solch einem Fall zu tun. Seit ich zwölf Jahre alt war, besuchte ich in der Sonntagsschule den orthodoxen Religionsunterricht. Als ich 16 war, nahm ich mit vielen anderen Jugendlichen an einem Zeltlager der orthodoxen Kirche teil. Eines Abends lernte ich ein Mädchen kennen, deren Schwester einen kleinen Sohn hatte, der an Epilepsie erkrankt war. Sie bat mich, einen Zettel unter die Leute zu bringen, auf dem mit großen schwarzen Buchstaben geschrieben war: „Helfen Sie bitte!“ Allein für die notwendige Untersuchung waren 5000 Euro aufzubringen, von Heilung ganz zu schweigen. Die Geschichte hatte zum Glück ein gutes Ende. Dank guter Menschen ist das benötigte Geld zusammengekommen. Heute ist das Kind weitgehend gesund. Die Eltern sind total glücklich und dankbar.

In Weißrussland gibt es wenige Institutionen, die in solchen Fälle helfen. Eine davon ist das belarussische Rote Kreuz. Es betreibt Kleiderkammern oder hält Angebote für sozial benachteiligte Gruppen oder Menschen in der Gesellschaft bereit. Es unterstützt ältere Personen beim Einkaufen, im Haushalt oder bei Arztbesuchen. So wird ihnen ein normales Leben auch im Alter erleichtert. Das Rote Kreuz arbeitet mit vielen internationalen Organisationen zusammen und realisiert mit deren Hilfe verschiedene Projekte. In Grodno wird zum Beispiel das erste belarussische Zentrum für behinderte Kinder eröffnet. Ein weiteres Projekt des Roten Kreuzes ist das Tschernobyl-Programm. Sein Ziel ist, medizinische, soziale, psychologische Hilfe den von der Atomkatastrophe betroffenen Menschen zu leisten.

„Die besten Dinge im Leben sind nicht die, die man für Geld bekommt.“ Das hat Albert Einstein gesagt. Aber ist die Gesundheit nicht das wichtigste Ding im Leben? Und wie kann man es verkraften, dass das Leben vieler Kinder in unserem Land frühzeitig ausgelöscht wird, weil es an Geld fehlt.

Originally published: www.suedkurier.de/polozk