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11 Jan

Anastasija Kazjanina (Belarus)
SÜDKURIER, Aug 9, 2013


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Keine Angst vor dem Alter [No fear of getting older]

Polozk schreibt für Friedrichshafen: Anastasija Kazjanina denkt darüber nach, wie man auch im fortgeschrittenen Alter jung bleiben kann

Ewige Jugend gibt es nicht. In jedem Lebensabschnitt ist es wichtig, das Interesse nicht zu verlieren. Und wenn das Alter kommt, ist das Leben nicht zu Ende, es ist einfach an einem neuen Punkt angelangt. Es gibt Menschen, die sich viele Möglichkeiten verbauen, auch im hohen Alter ihr Leben interessant und erfüllt zu gestalten, andere schaffen mit Elan und Begeisterung weiter, sind flexibel und wollen Neues erleben.

Vor kurzem bin ich einer Großmutter begegnet, die am Bahnhof auf den Bus gewartet und mich in ein Gespräch verwickelt hat. Ohne auf meine Fragen und Antworten zu warten, erzählte sie mir von ihrer Familie und ihrer früheren Arbeitsstelle. Endlich habe ich auch ein Wort in diesen Monolog eingeflochten: „Und wie erholen Sie sich eigentlich?“, wollte ich wissen.  Warum habe ich gerade diese Frage gestellt? Ganz einfach: Während des Gesprächs erzählte die Frau davon, wie sie und ihr Mann Kartoffeln ernten, Vieh halten und dies alles, um ihren schon erwachsenen Kindern zu helfen Also war ihre Antwort klar: „Arbeit ist die beste Erholung.“

Diese scheinbar widersprüchliche Aussage charakterisiert treffsicher unsere ältere Generation. Ich glaube, dass Diejenigen, die eine Datscha haben oder auf dem Land im eigenen Haus mit einem Grundstück wohnen, glücklicher als die Städter sind – weil sie einfach mit der Natur näher verbunden sind. Oft sind ältere Leute auf dem Markt zu sehen, wo sie Blumen, Obst, Gemüse und verschiedene Stricksachen verkaufen. Das ist eine gute Möglichkeit, sich zusätzlich zur Rente etwas zu verdienen – und mit anderen Menschen zu kommunizieren. Aber auch wenn man in der Stadt wohnt, kann man im Alter sinnvolle Beschäftigungen finden. Das Zusammensitzen auf einer Bank gehört bei uns zu den heiligen Sitten der Großmütter. Oft versammelt sich eine ganze „Oma-Mannschaft“, deren Interesse auf Passanten oder auf die Nachbarschaft gerichtet ist. Wenn man an einem solchen „Verein“ vorbeigeht, kann man mit halbem Ohr hören, dass es um das neue Sofa des Nachbarn oder den Ex-Mann von Natascha aus dem zweiten Stock geht. Die Themenauswahl ist breit gefächert.

Alte und ihre Haustiere sind immer ein aktuelles Thema. Oft geben Kinder ihre Katzen und Hunde an ihrer Eltern ab, weil sie meinen, diese hätten mehr Zeit. Meine Bekannte Valentina Sergejewna hat ihren Amerikanischen Staffordshire-Terrier, der auf den Namen Mary hört, auf diese Weise „geschenkt“ bekommen. Die beiden stehen morgens um fünf Uhr, gehen spazieren und schlendern wie zwei unruhige Wanderer durch die morgendlichen Straßen.  Andere pflegen auch im Alter ihre Hobbys. Beispielweise kann man dreimal die Woche eine Frauen- und Herrengruppe um die 60 im örtlichen Gewerbehaus sehen. Die Gruppe „Polozkije rossypi“ macht seit zehn Jahren gemeinsam Musik. Jadviga Julianovna Avlasenko, Leiterin des Ensembles, ist eine lebhafte und aktive Frau. Sie bestimmt den Musikspielplan für heute, dirigiert und unterhält sich dazwischen mit Musikern – man hat den Eindruck, dass in dieser heiteren und lockeren Atmosphäre das Musizieren Spaß macht! Im Gewerbehaus habe ich auch Frauen aus dem Volksklub „Roshva“ kennen gelernt. Zusammen mit ihrer Leiterin Nina Iossifowna Jarmuch stellen sie einmalige originelle Stickarbeiten her und überraschen mit unglaublicher Kreativität.

Ist Alter wirklich ein schweres Malter, wie es der Volksmund sagt? Möge die Zeit des Jungseins auch vorbei sein, es gibt eine schöne Zukunft – mit Enkelkindern, Freunden und Gleichgesinnten. Und unsere Alten beweisen das. Ich möchte im vorgerückten Alter von jeder dieser Frauen, die ich gerade beschrieben habe, etwas übernehmen. Ich möchte den Wunsch nach Arbeit nicht verlieren, will offen und gesellig sein. Ich rechne mit einem vierfüßigen Freund, der meine Fürsorge nötig hat und mit dem ich morgens und abends spazieren gehen kann. Ich will Veranstaltungen, Gruppen für lebenslanges Lernen besuchen, unter Menschen sein und Unterstützung der Gleichgesinnten fühlen. Und auch ein kleiner Schwatz mit den Nachbarinnen gehört nun einmal dazu, nicht wahr?

Originally published: www.suedkurier.de/polozk