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9 Jan

Helen Scharan (Belarus)
SÜDKURIER, Sept 4, 2013


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Lehrer zu sein, ist harte Arbeit [Hard work to be a teacher]

Polozk schreibt für Friedrichshafen: Helen Scharan fragt sich, ob sie mit ihrem Germanistik-Studium die richtige Wahl getroffen hat

Der Mensch wählt sein Leben lang. Welches T-Shirt ziehe ich an? Wohin gehe ich heute Abend mit meinen Freunden? Kaffee oder Tee zum Frühstück? Das ist einfach. Viel schwerer ist es, sich für den zukünftigen Beruf zu entscheiden. Als Kind möchte man gerne Arzt, Sängerin, Supermodel oder LKW-Fahrer werden. Und heute? Wo sind unsere Kinderträume geblieben? Warum wollen wir jetzt nicht mehr Astronaut oder Schauspielerin werden? Wir werden älter und nehmen unsere rosarote Brille ab. Die Schule versucht, unsere Berufswahl zu erleichtern. Aber das reicht nicht. Manche treffen ihre Entscheidung schnell, andere überlegen lange, vielleicht bestimmen auch Eltern oder Freunde über andere Schicksale. Und es gibt solche Leute wie mich, die an der Uni studieren und ihre Wahl immer noch nicht getroffen haben.

Nach der zehnten Klasse wollte ich Friseurin werden. Ich meldete ich mich bei einer Berufsschule an. Es machte mir Spaß, Menschen die Haare zu schneiden und zu färben, verschiedene Frisuren zu schaffen. Doch Menschen schöner zu machen ist nicht so leicht, den ganzen Tag im Stehen verbringen auch nicht – und dafür gab’s nur 100 Euro monatlich Lohn. Nein, das war nicht meins. Also nahm ich mir vor, zur Universität zu gehen. Ich musste bloß meine Aufnahmeprüfungen mit durchschnittlichen Noten bestehen, ein mittelmäßiges Reifezeugnis haben und schon war ich Studentin mit monatlichem Staatsstipendium. Mit Recht fragen Sie: Ist das wirklich so einfach? Ja, aber nur für unsere Fachrichtung. Der Wettbewerb um einen Germanistik-Studienplatz ist unanständig niedrig. Bei anderen Fachrichtungen sieht alles ganz anders aus. Es ist fast unmöglich, für Betriebswirtschaft, Jura oder Informatik Aufnahmeprüfungen zu bestehen. Die Punktzahl ist unerreichbar und die Wahrscheinlichkeit einen staatlichen Studienplatz zu bekommen, ist gleich Null. Jetzt werde ich also Deutschlehrerin – obwohl ich nie Lehrerin sein wollte. Und, so komisch es klingt, für nahezu alle meiner Kommilitoninnen gilt das gleiche. Jede hat ihre eigenen Gründe, hier zu studieren: Eine paukt Deutsch ihren Eltern zuliebe, die andere, um sich wenigstens mit etwas zu beschäftigen, die dritte, um Fremdsprachen gut zu erlernen.

Warum ist der Lehrerberuf unter weißrussischen Jugendlichen nicht im Trend? Lehrer zu sein, ist harte Arbeit. Wer will das für etwa 220 Euro im Monat leisten? Niemand. Mit

Fremdsprachenkenntnissen könnte man auch als Dolmetscher oder als Reiseführer arbeiten, man muss aber schon ein besonderer Glückspilz sein muss, einen solchen Job zu finden. Für den Lehrerberuf immatrikulieren sich heute vorwiegend Mädchen, weil sich die Jungs für die wirtschaftlichen oder technischen Fachrichtungen entscheiden, die eine besser bezahlte Arbeit versprechen. Ein weiteres Problem: Fünf Jahre vergehen schnell und dem Gesetz nach sollen alle Uniabsolventen mit staatlichen Studienplätzen nach dem Abschluss zwei Jahre ihre Studienkosten „abarbeiten“.  Nein, wir haben keine Angst vor der Arbeit, wir haben Angst vor dem Ort, wohin wir geschickt werden! Lehrer fehlen überall, und so geht die Reise für die meisten unserer frisch gebackenen Fachleute in abgelegene weißrussische Dörfer – unabhängig von ihren Lebensplänen. Dort zu wohnen, wohin der Bus nur dreimal pro Woche fährt, wo die Telefonverbindung immer wieder abbricht, wo es keinen Internetanschluss gibt, wo man täglich das Wasser aus dem Brunnen holen und im Winter selbständig einen Ofen heizen muss – der Albtraum kann beginnen. Nicht selten ist das Dorf so klein, dass es im Unterricht nur zwei bis drei Schüler gibt. Und Geschäfte, Clubs oder Cafés gibt es schon gar nicht - entsetzliche Langeweile ist garantiert. Sie wollen nicht auf das Land fahren? Dann sind Sie verpflichtet, alle Studienkosten dem Staat zu ersetzen. Dieser Geldbetrag ist für einen Studenten einfach riesig: etwa 60 Millionen Rubel, also zwischen 6000 und 7000 Euro.

Ich stehe also weiter vor der Frage: Habe ich mit meinem Studium wirklich die richtige Wahl getroffen? Gott sei Dank bin ich erst im zweiten Studienjahr und habe noch drei lange, sorglose Jahre vor mir. Aber was wird dann? 

Originally published: www.suedkurier.de/polozk