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10 Jan

Alena Matsveyeva (Belarus)
SÜDKURIER, July 24,2013


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Neue haben wirklich keine Ahnung [Freshers really have no idea]

Polozk schreibt für Friedrichshafen: Alena Matsveyeva berichtet davon, dass man sich als Studienanfänger auf ein herrliches Ritual gefasst machen darf

Wie wird man eigentlich Student oder Studentin in Polozk? Ein neues Studienjahr fällt immer in Belarus mit dem Herbstanfang zusammen, aber jedes Mal „überrumpelt“ der Herbst die Studenten aufs Neue. Besonders unvorbereitet sind dabei frisch gebackene Studenten, weil es für sie ein ganz neuer Lebensabschnitt beginnt.

Wenn die ehemaligen Schüler mit verdecktem Stolz und Glanz in den Augen die Schwelle der Universität überschreiten und ein Teil der Studentenschaft werden, wissen sie nur ungefähr, was auf sie zukommen wird. Sich mit vielen Leuten bekannt machen? Sich andere Regeln gewöhnen und verschiedene Fächer, die es in der Schule nicht gab, in Angriff nehmen? Das alles ist richtig. Aber die „Neuankömmlinge“ haben wirklich keine Ahnung davon, dass auch „ungeschriebene“ Gesetze existieren – eine davon ist die „Aufnahme“ in die Studentenschaft. Dieses Fest ist ein ganz spezielles Ritual an der Uni Polozk und  beginnt jeweils am 3. Oktober um 19.00 Uhr im Studentenwohnheim. Die Organisatoren der Veranstaltung, Studenten aus dem fünften Studienjahr, bemühen sich, den Tag der Aufnahme interessant und unvergesslich zu machen. Zuerst werden die Studienanfänger in Gruppen eingeteilt. Das Ziel ist klar: Den Wettbewerb, der aus mehreren Runden besteht, zu gewinnen. Es werden dabei unterschiedliche lustige Teamspiele durchlaufen, wo junge  Leute einander hören und verstehen lernen. Das Fest macht allen Riesenspaß und fasziniert nicht nur die Teilnehmer, sondern auch die Zuschauer.

Ich studiere seit drei Jahren an der Universität, aber noch heute kann ich mich sehr gut an diesen denkwürdigen Tag. Auf der Stirn jedes Teilnehmers stand die Nummer seines Teams geschrieben. Meine Freunde und ich haben Nummer Drei bekommen. Als erste Aufgabe musste unser Team fünfzehn Äpfel mit dem Mund aus Salzwasser herausholen. Als wir damit fertig waren, bekamen wir einen Zettel mit der Zimmernummer, wo der nächste Auftrag für uns vorbereitet lag. So ging es Schritt für Schritt weiter, jedes Mal in einem anderen Raum, bis das Wohnheim von innen und außen „durchgeackert“ war. Wir haben dabei auf knifflige Fragen des Dekanats der historisch-philologischen Fakultät geantwortet, mussten in anderen Runden unsere fünf Sinne zusammennehmen, manchmal sogar auch einen sechsten Sinn haben, oder unsere musikalischen Fähigkeiten unter Beweis stellen. So sollten wir zum Beispiel unter den Fenstern des Wohnheims stehend ein Lied singen, dessen Titel vorgegeben wurde. Das war nicht so einfach. Während  unseres Gesanges floss uns aus allen Fenstern Wasser über den Kopf. Sang man zu leise oder unharmonisch, musste man wieder von vorne anfangen. Im Wettbewerb unter dem Namen „Detektiv“ hat sich nur eine Person von jedem Team beteiligt. Meine Mannschaft hat mich für diese Rolle ersehen. Ich war aufgeregt, weil ich meine Freunde nicht enttäuschen wollte. Die Veranstalter haben mir ein Tuch vor die Augen gebunden und ich musste möglichst schnell 20 Bonbons im Raum finden, dabei durften die Zuschauer dem Detektiv auf keinen Fall helfen. Das war wunderbar! In der letzten Runde, die "Paradies" hieß, haben alle Teilnehmer – nass, schmutzig, aber fröhlich – kleine Geschenke bekommen. Und noch eine Tradition:  Nach Abschluss der Aufnahmeprüfung gehen die Studenten in einen Geheimraum und lassen alle ihre auf den Zetteln aufgeschriebene Gedanken und Gefühle in einer Schachtel liegen. Die versiegelte Schachtel wird fünf Jahre lang aufbewahrt und erst bei der Aushändigung der Diplome geöffnet. Dann können die Studenten verstehen, wie und in welchem Maße sie sich geändert haben.  Erst nach all dem Erlebten – nach der Einweihung – kann jeder von uns mit Recht sagen: ich bin Student, ich studiere in Polozk! Spannend, nicht wahr? Ich finde diesen Brauch superStudent rituals in Belarus. 

Originally published: www.suedkurier.de/polozk