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11 Jan

Kristsina Danilenak and Maryna Bekish (Belarus)
SÜDKURIER, Aug 7, 2013


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Polozk und Friedrichshafen: heute und morgen [Visions of the future]

Polozk hat partnerschaftliche Beziehungen mit Städten in verschiedenen Ländern, so entwickeln sich zum Beispiel Kontakte mit Russland (Trosna, Elektrostal, Nowgorod, Rostow, Kursk), der Ukraine (Kamenetz-Podolski, Obuchwsk), Polen (Jaroslow, Danzig), Moldawien (Belt), Litauen (Iokowo, Trokaj), Lettland (Wiltspils), Schweden (Insel Gotland). Aber besonders vertraut klingt für die Einwohner von Polozk der Name der deutschen Stadt Friedrichshafen, mit der die Beziehungen sowohl durch offizielle, als auch durch zahlreiche private Kontakte gestärkt werden. Die Partnerschaft mit Friedrichshafen verwirklicht sich in verschiedenen Sphären: Medizin, Umweltschutz, Bildung, Kultur, Religion und anderen. „Nicht schlecht“ würde ein Pessimist sagen. „Prima! Toll!“ wäre die Meinung eines Optimisten. „Sehr gut, aber wie sieht die Zukunft dieser Kontakte aus?“ würde ein Realist fragen.

Die Formel „Jugend ist die Zukunft eines jeden Landes“ ist zwar zum Klischee geworden, aber diese überkommene Vorstellung spiegelt genau unser Leben wider. Im Internet haben wir einen treffenden Slogan gefunden: „Jugend denkt Zukunft“. Ganz unsere Meinung! Ohne Jugend sind partnerschaftliche Beziehungen nur die Angelegenheit der Erwachsenen. Damit dieses internationale Projekt ein großes Ganzes wird, sollten gerade junge Menschen in die Arbeit einbezogen werden. Schauen wir mal deshalb auf die Beziehungen zwischen den beiden Städten aus der Sicht von Studenten, die in Polozk studieren.

Hier, im ehemaligen Gebäude der Kadettenanstalt, ist nur ein Teil der Staatlichen Universität Polozk platziert. Das sind historisch-philologische Fakultät, die Fakultät für Informations-technologien und der Studiengang „Tourismus“. Der Volksmund sagt: Jeder ist sich selbst der Nächste. Also beginnen wir mit Germanisten. Für uns dreht sich alles um Deutsch, es ist sozusagen unser täglich Brot. Wir lernen Vokabeln, grammatische Regeln, üben Aussprache. Durch die Entwicklung moderner Technologien kann man zusätzlich zum Unterricht Audio- und Videodateien im Internet herunterladen und seine Fremdsprachenkenntnisse vertiefen. Alles richtig! Aber es fehlt uns an Sprachpraxis, an der lebendigen Kommunikation mit den Muttersprachlern, denn eine/n Deutsche/n in Polozk kennen zu lernen, ist beinahe ein Märchen aus Tausendundeiner Nacht. Der einfachste Ausweg aus dieser Situation wäre natürlich Jugendaustausch, was aber wegen Geldmangels ziemlich problematisch für die meisten belarussischen Jugendlichen ist. In dieser Hinsicht ist das Projekt „Polozk schreibt für Friedrichshafen“ eine tolle Idee. Alle Beteiligten können in Artikeln nicht nur ihre Stellungnahme zu diesem oder jenem Problem abgeben, sondern auch als Belohnung Deutschland besuchen und Kontakte knüpfen. Und wenn die deutschen Leser unsere Beiträge interessant finden (und es scheint so zu sein), dann heißt es, dass beide Seiten von diesem Projekt profitieren. Ich glaube, dieses Projekt soll man weiter entwickeln. Die Fortsetzung könnte lauten – „Friedrichshafen schreibt für Polozk“. Einerseits würden die Einwohner von Polozk mehr über ihre Partnerstadt und deutsche Jugend erfahren, andererseits können Studenten, die Germanistik studieren, an der zweiten „Folge“ des Projekts teilnehmen, indem sie bei der Übersetzung der Beiträge mithelfen.

Eine andere Möglichkeit, die beiden Kulturen näher zu bringen, ist ein zweisprachiges Video-Projekt. Man kann einander Städte, Universitäten, gemeinsame Veranstaltungen auf einer Homepage im Internet präsentieren, so dass sich jeder Interessierte per Mausklick ohne sprachliche Schwierigkeiten über den Stand der Dinge informieren könnte. Für uns Germanisten würden diese Aktivitäten die Erweiterung unserer sprachlichen Kompetenz bedeuten. Der

Studiengang „Tourismus“ gehört an der Uni Polozk zu den neu angesiedelten. Seine Entstehung ist mit dem staatlichen Programm der Förderung von Tourismus und Bewirtung in Belarus verbunden. Bekanntlich ist Polozk die älteste belarussische Stadt. Dieser Umstand sowie das geschichtsträchtige Kloster von der heiligen Euphrosina ziehen hierher viele Touristen und Pilger an. Allerdings ist der Tourismus in Polozk ein neues Geschäftsbereich mit seinen Schwierigkeiten und Problemen. Es gibt in der Stadt nur zwei Hotels, es fehlt an Cafés, Unterhaltungsattraktionen und hochqualifizierten Fachkräften (die letzteren sollen an unserer Universität vorbereitet werden). Friedrichshafen dagegen hat reiche Traditionen im Bereich Tourismus und könnte ein verlockendes Ziel für Studienreisen sein, die der DAAD anbietet und finanziert. Die Partner aus Friedrichshafen könnten in diesem Fall ihre Kenntnisse in den Ausbildungsseminaren vermitteln und für ihre Heimatstadt sowie den Tourismus in Deutschland werben. Die Studenten aus Polozk hätten ihrerseits eine Möglichkeit, durch neues Wissen Wege denTourismus im eigenen Land (Öko- und Radtourismus, Bewirtung, Management) an den europäischen Standard heranzuziehen. Solch eine Zusammenarbeit wäre unserer Meinung nach für beide Seiten ein Profit.

Nicht zu vergessen sind Studenten, die hier an der Uni Geschichte studieren. Wenn es in Friedrichshafen Menschen gibt, die sich für belarussische Geschichte und jedes Jahr durchgeführte Ausgrabungen interessieren, dann ist das Information für sie. Bei den Ausgrabungen sind Kreuze, Schmucksachen, Schwerte, Säbel, keramische Scherben und andere wertvolle Funde entdeckt worden. Also man kann zum Augenzeugen historischer Ereignisse werden, archäologische Funde erlauben einen tiefen Einblick ins Alltags- und Geschäftsleben der Polozker zwischen dem 15. und dem 20. Jahrhundert. Es ist auch zu erwähnen, dass seit einigen Jahren das Mittelalter-Kultur-Festival „Rubon“ in Polozk veranstaltet wird. Bei dem Feiertag werden am Ufer der Westlichen Dwina die Ereignisse und die Atmosphäre jener Zeit rekonstruiert: Die Ritter in Rüstung erstürmen das Schloss, es werden Ritterkampfspiele durchgeführt, traditionelles Handwerk präsentiert, mittelalterliche Küche und Musik jener Zeit geboten. An dem Festival nehmen immer unsere Geschichtsstudenten teil, es kommen auch Gäste aus anderen Städten und Ländern. Wir denken, es wäre toll, wenn man ein gemeinsames deutsch-belarussisches Mittelalter-Kultur-Event organisieren könnte.

Wir sind uns sicher, dass die Aussichten der Partnerschaft zwischen Polozk und Friedrichshafen erfreulich sind, denn Jugend denkt und sieht gespannt der Zukunft entgegen.

Originally published: www.suedkurier.de/polozk