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8 Jan

Marina Baranowskaja (Belarus)
SÜDKURIER, March 6, 2013


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Studieren als reines Pflichtprogramm [Studying as pure compulsory program]

Polozk schreibt für Friedrichshafen: Marina Baranowskaja beklagt ein gewisses Maß an Unselbständigkeit bei belarussischen Studenten

 „Du sollst!” Wievielmal hat jeder von uns diese Worte schon gehört? Und warum gibt es sie in unserem Leben? Versuchen wir mal, der Sache auf den Grund zu gehen. Schon in der Kindheit lautet es: „Du sollst in den Kindergarten gehen.“ Später heißt es: „Du sollst die Schule besuchen.“ Und so geht es dann auch weiter. Du sollst studieren, später eine gute Arbeit finden, natürlich heiraten, wenn möglich ein Haus bauen, ein Auto kaufen, schließlich in die Rente gehen. „Kein schlechter Plan fürs Leben“ könnte man sagen. Kann sein. Aber immer steht  „Du sollst“ – meist sogar mit einem Ausrufezeichen – dabei.

Die Erwachsenen - speziell auch bei uns in Belarus - sind oft der Ansicht, dieser Ansporn sei für Jugendliche notwendig, nicht alle könnten selbständig ihren Weg finden, einige bräuchten Hilfe. Eltern, Lehrer und Lektoren helfen uns gern dabei. Alles ist ganz klar. Aber manchmal geht mir das Ganze zu weit, wenn die „Betreuer” beginnen, uns ihre Meinung aufzudrängen. Gerade in unserem Land sind junge Leute allzu oft der Gefahr ausgesetzt, sich an dieses „Du sollst!” zu gewöhnen, sich das ganze Leben darauf zu verlassen und im Endeffekt dadurch ihre Selbständigkeit zu verlieren. Wozu sollten wir überhaupt etwas selbst entscheiden, wenn es Menschen gibt, die sich ein Konzept für unseren Werdegang bereitgelegt haben? So entsteht Bequemlichkeit, die dann zu Unselbständigkeit führt.

Ich sehe die Studienzeit als einen Grundstein für das weitere Leben. In dieser Zeit können die Studenten ihr Potential entfalten. Was also tun – sich in ausgefahren Gleisen bewegen oder sich seinen eigenen Weg bahnen? Einerseits gibt es an den belarussischen Universitäten verschiedene Möglichkeiten, sich selbst weiterzuentwickeln, etwa in Sport-, Tanz- oder Gesangskursen. Andererseits können die Studierenden nicht die Fächer wählen, die sie eigentlich gerne belegen würden. Fast alle Vorlesungen, Seminare und Übungen gehören zum Pflichtprogramm im Lehrplan. Eine Umfrage, die ich an der Polozker Staatlichen Universität bei 50 Studenten durchgeführt habe, kam zu einem wenig erfreulichen Ergebnis. 78 Prozent der Befragten antworteten auf die Frage „Würdest du alle Unterrichtseinheiten besuchen, wenn die Anwesenheit im Unterricht nicht obligatorisch wäre?" mit einem klaren Nein.

Und was ist mit der sogenannten „vorlesungsfreien Zeit“? Sie dient in der Realität nicht hauptsächlich der Erholung, sondern vor allem der Aufarbeitung des vermittelten Stoffes. Die Folge ist, dass sich viele Studenten überfordert fühlen und deshalb auch demotiviert sind. Die Sorge um einen effizienten Unterricht soll dann von den Lektoren übernommen werden. Aber ihre Aufgabe ist es, zu unterrichten, und nicht zum Lernen zu zwingen. Ein Teufelskreis - nicht wahr? Ich möchte betonen, dass unsere Lektoren wirklich geduldige und ihrer Arbeit treu ergebene Menschen sind. Ihre Aufgabe besteht an unseren Unis auch darin, Fantasie zu entwickeln, um bei den Studenten immer wieder Interesse zu entfachen. Aber welche Aufgaben haben wir Studenten, wenn uns alles auf dem Tablett serviert wird? Ein Mangel an Selbstbestimmung und Verantwortungsbewusstsein, das sind die Achillesfersen unserer Jugendlichen. Natürlich stellt sich die Frage, wer daran schuld ist. Das ist schwer zu beantworten, weil im Grunde jeder selbst für sein Verhalten, aber auch für seine Lebensauffassung verantwortlich ist. Oder liegt die Ursache für eine gewisse Unselbständigkeit in unserer Mentalität? Ich glaube eigentlich nicht, dass alle Nationen und Völker die gleichen Probleme haben. Trotzdem muss jeder in erster Linie die Gründe selbst suchen und seine Einstellung zum Leben verändern. Auch unsere jungen Leute müssen begreifen, dass sie selbst die Initiative ergreifen müssen, weil es irgendwann niemanden mehr gibt, der uns an der Seite steht und ständig „Du sollst“ zu uns sagt.

Originally published: www.suedkurier.de/polozk