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16 Jan

Florian Bauer (Germany)
ARD Sportschau, March 31, 2013


422

Weißrussland, die Eishockey-WM und die Menschenrechte [Belarus, Ice Hockey World Championships, and Human Rights]

Länge:5’23

ANMODERATIONSVORSCHLAG

Wir versuchen in der Sportschau ja auch immer wieder, Entwicklungen des Sports oder sportpolitische Diskussionen zu verfolgen oder anzustoßen. Und das wollen wir auch heute tun. 2009 hat der Internationale Eishockey-Verband beschlossen, seine Weltmeisterschaft 2014 in Weißrussland auszutragen. In dem Land, das als letzte Diktatur Europas gilt, in dem Menschenrechte nichts gelten, dafür Eishockey alles.

Die Vergabe hat große Diskussionen ausgelöst, kann man ein solches Sportgroßereignis in ein totalitäres Land wie Weißrussland geben. Unser Reporter Florian Bauer war in dem 10-Millionen-Einwohner-Land Weißrussland und hat einen seltenen Einblick bekommen in ein Land, das knapp zwei Drittel so groß ist wie Deutschland. Aber er war auch in Berlin und Zürich, und er nimmt die Fährte der Diskussion auf.

BEITRAG

So sieht Eishockey aus, in einer Diktatur. Dynamo Minsk spielt, wo sie im Mai 2014 die Weltmeisterschaft eröffnen werden. Minsk-Arena, 15.000 in einer modernen Halle. In einem autoritären Land.

Politik und Sport sind hier immer eins. Der Eishockeyverbands-Präsident war lange Sportminister des Landes, und so hört sich dann Propaganda an.


O-TON 1:
INSERT: Evgeny Vorsin, Präsident Eishockey-Verband Weißrussland, ehem. Sportminister
„Unser Land steht der ganzen Welt offen. Jeder, der zur WM kommt, wird einen eigenen Eindruck unseres Landes bekommen, eines friedlichen, demokratischen und freien Landes.“

Wie frei genau, sieht man auch nach dem Spiel, die Frage der Sportschau, welche politischen Auswirkungen die WM haben könnte für Weißrussland, unterbindet der Pressesprecher von Dynamo Minsk direkt.

Athmo: Pressesprecher

Athmo: „Belarus, Belarus.“

Denn das hier ist die Realität in Weißrussland. Demonstranten werden geschlagen, festgenommen, gefoltert. In „Europas letzter Diktatur“, wie oft gesagt wird, herrscht seit ’94 der Eishockey spielende Präsident Alexander Lukaschenko. Seitdem gab es an die 400 Hinrichtungen.

Und deshalb bleibt die Eishockey-WM 2014 auch in der Diskussion, in ganz Europa und vor allem in Berlin. Viola von Cramon ist die sportpolitische Expertin der Grünen im Bundestag und deren Sprecherin für die EU-Außenbeziehungen. Sie kritisiert die WM-Vergabe an Weißrussland scharf.


O-TON 2:
INSERT: Viola von Cramon, sportpolitische Sprecherin Bündnis 90/Die Grünen
„Wir wissen natürlich, wie repressiv Lukaschenko auch in seinem Land regiert, wie er die Opposition unterdrückt. Das heißt, dieses Großereignis wird ausschließlich dazu genutzt, die Macht von Lukaschenko zu zementieren, zu stärken.“

So sieht das auch ein Regierungsmitglied, Kanzleramtsminister Ronald Pofalla wurde schon im März vor dem Bundestag ebenfalls ungewohnt deutlich:


O-TON 3:
INSERT: Ronald Pofalla, Kanzleramtsminister und Bundestagsabgeordneter, 22.03.2012
„Ich wünsche mir, dass diese Eishockey-Weltmeisterschaft in ein anderes Land verlegt wird.“

Das ist ausgeschlossen, sagt der internationale Eishockeyverband. Der sitzt in einer Villa im Zentrum von Zürich. Der Präsident will eigentlich gar keine Interviews mehr geben, ist die Diskussion leid. Rene Fasel spricht davon, dass Weißrussland ein Eishockey-Land sei und das Recht habe, eine WM zu organisieren.


O-TON 4:
INSERT: Rene Fasel, Präsident Internationaler Eishockey-Verband
„Und es ist nicht die Aufgabe des Sports, irgendwie einen politischen Druck auszuüben auf irgendetwas, das normalerweise die Politiker lösen sollen.“

Nur in Weißrussland ist alles politisch, erst Recht Eishockey. Zurück in Minsk. Eishockey ist in Weißrussland Volkssport, verordnet vom Präsidenten. Für die Eishockey-WM im Mai 2014 wird am Stadtrand gerade eine neue Halle gebaut, für knapp 10.000 Zuschauer. Obwohl es schon acht Eishockey-Hallen gibt, alleine in Minsk. 31 in ganz Weißrussland.

Menschenrechte gelten hier wenig. Die letzte legale Menschenrechtsorganisation in Weißrussland – von der EU unterstützt – ist das Helsinki Komitee. Garry Pogonyaylo, der Vorsitzende, war immer wieder selbst im Gefängnis, und sagt, der Staat, also Lukaschenko, könne das Komitee jederzeit verbieten.


O-TON 5:
INSERT: Garry Pogonyaylo, Menschenrechtsorganisation Helsinki Komitee  Weißrussland
„Dieses Regime ist verantwortlich für extreme Menschenrechtsverletzungen, sperrt Politiker ein, verbietet Massendemonstrationen. Freiheit gibt es in Weißrussland so gut wie nicht. Sportereignisse wie die Eishockey-WM sollten hier deshalb nicht stattfinden. Die WM sollte in ein demokratisches Land verlegt werden.“

Athmo: Grabgesang

An der Stadtgrenze findet an diesem Nachmittag eine Gedenkveranstaltung statt – zu Ehren der getöteten Intellektuellen durch den Geheimdienst Weißrusslands. Der heißt hier – anders als in Russland – tatsächlich immer noch KGB.

Dabei ist einer der bekanntesten Oppositionspolitiker, der Schriftsteller Vladimir Neklyayev. Auch er spricht sich wie das Helsinki Komitee für einen Boykott der Spiele aus. Denn er weiß, wozu das Regime fähig ist.

Denn das ist die Realität in Weißrussland, 2010 kandidierte Neklyayev gegen Präsident Lukaschenko und bezahlte das fast mit seinem Leben.


O-TON 6:
INSERT: Vladimir Neklyayev, Präsidentschaftskandidat 2010
„Die WM wird hier stattfinden, und deshalb möchte ich die großen Eishockey-Nationen, also Deutschland, Schweden, Finnland, die USA und Kanada, auffordern, ihre Teams nicht herzuschicken. Lassen Sie Lukaschenko mit denen spielen, die sein Regime unterstützen, also die Kasachen und Russen. Und spielen die Moldavier eigentlich Eishockey?“

Er hat seinen Humor noch nicht verloren in diesem Land und unter diesen Bedingungen. Das gesamte Interview über steht ein Mann daneben, er ist vom KGB.

Weißrussland, ein Staat, in dem 14jährige an einem Sonntag Morgen für die großen Paraden üben. Ein Staat, in dem Klatschen auf der Straße verboten ist, weil das ja zu Aufruhr führen könnte. Dieser Staat soll die Eishockey-WM ausrichten. Ob das eine gute Idee ist, darüber sollte die Sportwelt nachdenken.