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8 Jan

Aliaksei Krytau (Belarus)
SÜDKURIER, June 3, 2013


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Zerreißprobe auf 54 Quadratmetern [Power struggle in the apartment]

Friedrichshafen -  Polozk schreibt für Friedrichshafen: Aliaksei Krytau zur Problematik, dass in Weißrussland viele junge Paare zusammen mit ihren Eltern in einer kleinen Wohnung leben

Was tun, wenn man als junger Mann im wahrsten Sinne des Wortes zwischen seiner Mutter und seiner Partnerin hin- und hergerissen wird? Eine häusliche Szene, die von Maxim Kovganow, seiner Freundin Olga Kozhemjakina und Tamara Kritova, der Mutter von Aliaksei Krytau, perfekt nachgespielt wird.

Was tun, wenn man als junger Mann im wahrsten Sinne des Wortes zwischen seiner Mutter und seiner Partnerin hin- und hergerissen wird? Eine häusliche Szene, die von Maxim Kovganow, seiner Freundin Olga Kozhemjakina und Tamara Kritova, der Mutter von Aliaksei Krytau, perfekt nachgespielt wird.  Bild: krytau

Zusammen mit dem Partner bei den Eltern wohnen, oder doch lieber in einer eigenen Wohnung leben? Eine Fragestellung, die sich für mich derzeit noch nicht stellt, vor der aber doch viele junge Menschen in unserem Land stehen. Der Hauptgrund liegt am lieben Geld, weil es für junge Familien zunächst einmal heißt zu sparen, um sich später vielleicht einmal eine eigene Wohnung leisten zu können. Natürlich gibt es auch geräumige Privathäuser, in denen reiche Leute mit hohem Einkommen leben, und auch auf dem Dorf wohnt man oft in eigenen Häusern, die groß genug für zwei Familien sind. Aber in der Stadt wohnen die meisten Belarussen in Mietshäusern, in denen die Standardwohnungen gerade einmal 54 Quadratmeter groß sind. Das Schlimmste ist, wenn zwei Familien in einer Wohnung zusammen leben müssen, in der sich alles in einem, zwei oder drei Zimmern abspielt.

Es ist verständlich, dass das enge Zusammenleben von Jung und Alt zahlreiche Probleme mit sich bringt. Heiße Debatten um die Pflichten der eingezogenen Schwiegertochter gehören zum Alltag, der mit Vorwürfen überschüttete Schwiegersohn denkt nicht an seine junge Familie, sondern schon eher an die Vergiftung der lieben Schwiegermutter. Die Schwiegertochter backt gerne Kuchen mit Marmelade, die Schwiegermutter hält das für ungesund und empfiehlt, ihrem Sohn lieber Kuchen mit Fleisch zuzubereiten. Zuerst empfiehlt sie es, dann beharrt sie darauf. Oder der Schwiegersohn kommt mal angeheitert nach Hause und dort erwartet ihn schon die Strafe in Person seiner Schwiegermutter. Was seine Frau darüber denkt, spielt keine Rolle. In erster Linie fehlt es an Platz – so dass die Situation bei jedem kleinsten Krach eskaliert.

Es ist nicht verwunderlich, dass unzählige Schwiegermutter-Witze an der Tagesordnung sind. Ein Beispiel: „Meine Schwiegermutter ist gestern 150 Jahre alt geworden.“ „Spinnst du? Kein Mensch lebt so lange.“ „Wer spricht hier von Menschen?“ Der Volksmund sagt: „Man weiß nicht, ob man lachen oder weinen soll“. In diesem kurzen Witz kann man das ganze Problem des Zusammenlebens bei den Eltern deutlich erkennen. Es sind aber nicht nur die Schwiegermütter, sondern auch Schwiegerväter, die Ärger machen können. Oftmals sogar unbewusst, weil sie es als „Ureinwohner“ nicht gewohnt sind, mit neuen Leuten in der eigenen Wohnung zusammen zu leben. Es sind Kleinigkeiten, die einen riesigen Krach verursachen können, dazu kann das einfache Möbelumräumen beim Einziehen gehören. Dabei geht es nicht um einen zerbrochenen Stuhl oder einen zerrissenen Teppich, sondern nur um den Widerspruch der unterschiedlichen Interessen.

Nun erhebt sich die Frage: Warum bleiben denn viele junge Leute bei den Eltern, wenn es ihnen dabei so schlecht geht? Wie gesagt, ein entscheidender Grund ist das fehlende Geld. Was hinzu kommt: Die Weißrussen sind zwar kein Volk des Faulenzens, aber in manchen Fällen führt der Mangel an Zielstrebigkeit gerade bei jungen Leuten zu nichts Gutem – auch wenn das eher eine Ausnahme ist. Viele junge Menschen bemühen sich auch, getrennt von den Eltern zu leben, um als Paar zu zweit die Hindernisse zu überwinden. Allerdings läuft die Zeit und die Eltern werden nicht jünger, und so kann es vorkommen, dass sie eines Tages ständiger Pflege und Aufmerksamkeit von ihren Kindern bedürfen.

In diesem Fall müssen die Kinder für ihre alten Eltern sorgen und so kann es sein, dass die junge Familie, die womöglich schon eine eigene Wohnung hat, wieder in das Elternhaus zurückziehen muss – oder von den Eltern zurückgeholt wird.

Die Realität sieht nicht immer so schlimm aus. Aber jeder Anfang ist schwer, und junge Familien müssen sich klarmachen, dass es bestimmt Hindernisse geben wird.

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About the media project ’Polotsk writes for Friedrichshafen’

Belarusian students learning German at Polotsk State University shed light on life in Friedrichshafen’s sister town within the framework of the media project ’Polotsk writes for Friedrichshafen’.

This project is authored and coordinated by freelance journalist Brigitte Geiselhart.

Originally published: http://www.suedkurier.de/medienprojekt-polozk./Zerreissprobe-auf-54-Quadratmetern;art372474,6091688